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Ballermann Shaolin
Die Kehrseite des Mythos. Ein Blick hinter die Kulissen

von Martin Rüttenauer (2002)

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 Dieser Artikel erschien in ähnlicher Fassung zuerst in der Zeitschrift:
Frizz - das kritische Magazin für junge Leute
info@frizz-magazin.de
Alle Rechte beim Autor, © Martin Rüttenauer 2002
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Der Mythos Shaolin

Touristen und Kungfu-Schüler
Touristen und Kungfu-Schüler vor dem Shaolin-Kloster

DISCO IN DER TRAININGSHALLE
Nach Jahrhunderten glorioser Geschichte und Jahrzehnten des Dornröschenschlafs gerät das ehrwürdige Shaolin-Kloster in den Griff des Billigtourismus. Gruppen von 60, 80 oder 90 Trainingswilligen werden aus Deutschland, Italien und Osteuropa herangebracht und nehmen Quartier in den eher mittelmäßigen Unterkünften vor Ort.

Da beim Training kaum eine individuelle Betreuung möglich ist, gibt es bald die ersten Ausfälle wegen Überbelastung und Selbstüberschätzung der ausländischen Schüler. Die genervten chinesischen Reiseleiter kümmern sich um die Erkrankten (bei so großen Gruppen hat immer jemand etwas), um die Bestellung halbwegs guten Essens (es gibt kein gutes Restaurant rund um Shaolin) und ums Geldwechseln (die nächste Bank ist weit oder hat zu).

Abends kommt der Gettoblaster in den Trainingsraum, die Disco ist eröffnet. Der Kiosk mit Keksen und Bier hat durchgehend auf. Ballermann hat Shaolin erreicht.

RELIGION GELD
Wie konnte es dazu kommen? Nach dem ersten Wieder-Erblühen des Klosters aufgrund des Films „Der Shaolin-Tempel“ mit Li Lianjie (Jet Lee) Anfang der achtziger Jahre hielt sich der Tourismus zunächst noch in erträglichen Grenzen. Doch dann wurde das Kloster aufwendig renoviert, die alte rauhe Landstraße autobahnähnlich ausgebaut, und bald war um den eigentlichen Klosterbezirk eine kleine Stadt entstanden - Shaolin Industries wurde sie von Insidern scherzhaft genannt. Kung-Fu-Schulen aller Güteklassen etablierten sich, der Andrang von Schülern war groß. Natürlich fielen überall Eintritte, Gebühren, Souvenirkäufe an. Legendär ist die Unfreundlichkeit der Mönchsschüler, die am Eingangstor die Tickets abreißen. Das scheint wohl eine Art Straf-Job zu sein.

Hatte die Verehrung des schnöden Mammons in Form von Geldscheinen dem Buddhismus in Shaolin den Rang abgelaufen? Ja, so muß man es heute zweifellos sehen. Die früheren Äbte Shi Dechan und Su Xi lebten geistig in den alten Zeiten und genossen die ehrliche Verehrung vieler Anhänger. Der jetzige Abt Shi Yongxin jedoch trieb eine gründliche Vermarktungspolitik voran. Dafür wird er gelobt und gehaßt. „Seine Heiligkeit“ nennen ihn die einen, im Bund mit dem Bösen ist für die anderen. Er hat die im Kloster verbliebenen Mönche sowie das Umfeld des Klosters in heftig miteinander verfeindete Fraktionen gespalten.

Der jetzige Abt ist sehr weltlich orientiert. Es wurmt ihn, daß dem Shaolin-Kloster im Gegensatz zu der Heimstätte der sanften Kampfkünste, dem Wudang-Gebirge, die Anerkennung als Weltkulturerbe versagt geblieben ist. Er ließ deshalb rund um das Kloster jede Menge Gebäude, Kungfu-Schulen und kleine Läden abreißen. Sie störten die Optik und waren unliebsame Konkurrenz. Kritiker halten ihm jedoch vor, daß die Inhaber eine Einverständniserklärung für den Abriß unterzeichnen mußten, ohne überhaupt gefragt worden zu sein und daß die Bulldozer alles entschädigungslos aus dem Weg räumten. Und das bei enormen Einnahmen aus dem Tourismus, die sicher für eine gütliche und faire Einigung aller Beteiligten gereicht hätten. Von Plänen wird gemunkelt, im Ausland disneylandartige Shaolin-Niederlassungen als Touristenattraktionen zu gründen. Kritiker fragen, was das mit dem buddhistischen Sinn des Klosters noch zu tun habe.

Der Abt des Shaolin-Klosters
Der Abt des Klosters, 2001

Es geht dem Abt wohl auch darum, die grenzenlose Vermarktung des Begriffs Shaolin unter Kontrolle zu bringen. Es gab ja schon Autobusse, Streichhölzer und Zigaretten mit der Markenbezeichnung Shaolin. Die sind jetzt verschwunden, aber im Kloster werden ganz offiziell Kekse der Marke Shaolin angeboten. Der Abt stand Modell für das Werbeplakat.

MÖNCH ODER FAKE?
Was hat es nun mit den Shaolin-Mönchen auf sich, die seit Jahren mit Shows durch die Lande ziehen? Sicher ist, daß niemals ein Abt des Shaolin-Klosters im Ausland in Shows Vorführungen gegeben hat. Ob ein im Kloster lebender Mönch daran beteiligt war, sei dahingestellt; wenn, dann aber nur vereinzelt. Mir sind Show-Teilnehmer persönlich bekannt, die für ihre Auslandstournee zum ersten Mal in ihrem Leben in Mönchsgewänder geschlüpft sind. Die meisten „Mönche“ werden aus Schülern umliegender Kungfu-Schulen rekrutiert. Fast jede Schule dort veranstaltet eine Show. Von Kirmesniveau bis zu professionellen Ansprüchen wird alles geboten. Viele Shows laufen ganztägig im Stundentakt ab, damit kein Touristenbus lange warten muß.

DIE Show der Shaolin-Mönche gibt es nicht. Zeitweise sind bis zu drei Truppen gleichzeitig als Mönche unterwegs. Manche kommen aus ganz anderen Regionen Chinas und haben das Kloster noch nie gesehen. Im Niveau sind sie deshalb nicht schlechter. Und dem Publikum scheint es egal zu sein, wer bemerkt schon den feinen Unterschied zwischen „Kungfu-Mönche aus Shaolin“ und „Meister des Shaolin-Kungfu“?

WAS KÖNNEN DIE EIGENTLICH?
Für die Fachleute mag interessant sein, daß in den Shaolin-Shows die schönen traditionellen Shaolin-Formen, die im Laufe langer Zeit gewachsen und gereift sind, praktisch gar nicht gezeigt werden, sondern moderne Wushu-Sport-Formen. Wushu ist der offizielle Begriff für Kungfu in China und zugleich die Bezeichnung für einen beeindruckenden Wettkampfsport, der bei uns wahrscheinlich erst nach den olympischen Spielen 2008 in Peking so richtig bekannt werden wird. Die Wushu-Formen wirken in Shows spektakulärer, und dem breiten Publikum ist es recht so.

Am meisten Staunen rufen beim Publikum jedoch die martialischen Qigong-Stunts hervor. Ziegelsteine auf dem Kopf zerdeppern, mit der Stirn eine Eisenplatte zerschlagen, sich einen Speer in den Kehlkopf drücken lassen: Zeichen für übernatürliche Kräfte, gewonnen aus tiefer Meditation im Morgennebel des Shaolin-Klosters?

Diese Stunts sind bei Kungfu- und Wushu-Leuten alten Schlages gang und gäbe. Sie sind, von wenigen Ausnahmen abgesehen, gut lernbar und manche davon sind Tricks. Vergleichen wir die Fähigkeiten der Shaolin-Stuntmaster doch einmal mit denen der chinesischen Akrobaten: welche Kunst ist die höhere? Die Shaolin-Stunts kann fast jeder Sportler lernen, der eine gute Fitness und Trainingsfleiß, Disziplin und etwas Leidensfähigkeit mitbringt und der einen guten Lehrer findet (der Autor weiß, wovon er spricht, er hat selbst mit Mitgliedern seiner Schule Qigong-Stunts gezeigt). Die Balance-und Kraftakte der Akrobaten im chinesischen Circus dagegen sind völlig außerhalb der Reichweite eines normal Begabten. Von der Körperkunst her betrachtet, steht die chinesische Circus-Akrobatik weit über dem Shaolin-Kungfu.

Auch ein Vergleich auf anderer Ebene, nämlich mit den Wushu-Sport-Profis in den Trainingszentren der großen Städte, zeigt: Shaolin ist nicht die Speerspitze des Kungfu. Technisch sind die Sportprofis meistens besser.


Massentraining vor Tagou
Massentraining auf dem Platz vor der Tagou-Schule

DIE ROLLE DER MEDIEN
Warum sind Berichte über Shaolin in unseren Medien oft so einseitig auf Qigong-Stunts fixiert? Nun, zum einen fahren die wenigsten Journalisten selbst nach Shaolin, um dort zu recherchieren. Sie kaufen Bilder von Bildagenturen und sammeln für den Text Informationen aus anderen Veröffentlichungen, im günstigen Fall ergänzt durch eigene Nachforschungen.

Zum anderen entwickeln Themen in den Medien eine Eigendynamik. Wenn über die erstaunlichen Fähigkeiten der Shaolin-Mönche berichtet wird, liest das auch ein Chefredakteur eines anderen Presseorgans und bildet sich seine Meinung, was dem Publikum so alles gefallen würde, z.B. die Stunts. Diese Schreibtischrealität ist dann manchmal eine ganz andere, als ein vor Ort recherchierender Journalist sie herausfinden würde. Zu oft liegen die Schwerpunkte auf Klischees, die immer gerne wiederholt werden. Differenzierte Sichtweisen sind nicht unbedingt gefragt. Und so entsteht ein schiefes Bild von Shaolin, das etwas zurechtgerückt werden muß.

WAS BLEIBT? WAS BIETET SHAOLIN HEUTE?
Zwei Dinge sind es, die Shaolin auch heute noch interessant machen. Zum einen ist das Shaolin-Kloster ein ganz wesentlicher Ursprungsort der Kampfkünste und als solcher ein lohnenswertes Ziel für alle Kampfkunstbegeisterten. Es ist schon ein großes Erlebnis, mit eigenen Augen zu sehen, wie klein das Kloster selbst eigentlich ist, wo alles entstanden ist, in welcher Höhle Damo meditiert hat, und sich das alles so vorzustellen, wie es vor Jahrhunderten ausgesehen haben mag. Vielleicht findet man ja auch jemanden, der einen in die steilen Berge des Gebietes führt, abseits der großen Ströme von Tagestouristen, in die Stille, wie sie die alten Mönche und Meister noch erlebt haben.

Zum zweiten ist es einfach umwerfend, den Trainingseifer der vielen tausend jungen Kungfu-Schüler mitzuerleben, die den ganzen Tag hart und diszipliniert üben. Sie leben und wohnen sehr einfach und lassen sich in ihrem Ziel, Trainer oder Bodyguard zu werden, nicht beirren. Allein das harte Training, zu dem diese jungen Leute, Mädchen wie Jungen, mental und körperlich fähig sind, dieses Training bringt immer wieder hervorragende Einzelleistungen von Talenten rund ums Shaolin-Kloster hervor. Im Vergleich dazu ist Training im Westen fast schon weicheiermäßig.

Junge Mönchsschüler
Junge Mönchsschüler im Shaolin-Kloster

Einige der Trainer rund um Shaolin sind in der Disziplin Freikampf recht gut und hart im Nehmen sowie im Austeilen. Auch wer die traditionellen Shaolin-Bewegungsformen studieren will, ist dort am besten aufgehoben, sollte allerdings eine Lehrperson suchen, die exakt arbeitet und motiviert ist. Gute und lang aufgebaute Beziehungen sind dazu unerläßlich. Ebenso Kenntnisse der aktuellen Situation, denn Shaolin ist schnellebig geworden: eine Schule, die ich heute empfehle, kann nächstes Jahr schon verschwunden oder im Niveau abgesunken sein.

Wer die Stille und grandiose Landschaft in Verbindung mit Kampfkunst sucht, der reist besser in das Wudang-Gebirge. Dorthin gibt es allerdings zum Glück (noch?) keinen Billigtourismus, und als Individualreise ist dieses Ziel aufwendig, man hat keine Chance, mehr als die äußeren Attraktionen zu sehen. Ist so eine Reise gut gestaltet, wird der Besucher in Wudang vielleicht das finden, was er sich von Shaolin erträumt hat.

Die großartige Stellung des Shaolin-Klostern in der Geschichte der Kampfkünste bleibt unangefochten. Die gegenwärtige Situation liefert aber Anlaß zu erheblicher Kritik. Ob Shaolin aus der großen Krise, in der es sich befindet, wieder herausfinden kann, wird sich erst in einigen Jahren erweisen.

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